Das Chieminger Heimathaus in seiner ganzen Pracht
... so wohnte der Knecht
Milchverarbeitung damals ...
... das historische Chieming
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Das Ende des Zweiten Weltkriegs am Chiemsee - Zeitzeugen berichten

Am: 26.02.2026

Heimathaus Chieming Veranstaltungen

mit Klaus Oberkandler im Gymnasium Schloss Ising

Zeitzeugen aus den heutigen Gemeinden Chieming und Seebruck berichteten über das Ende des Zweiten Weltkriegs am Chiemsee.
Journalist und Heimatforscher Klaus Oberkandler berichtet über Zeitzeugengespräche zum Kriegsende am Chiemsee – 150 Interessierte kommen ins Gymnasium Schloss Ising im Rahmen der Johann-Josef-Wagner-Reihe (26.02.2026)
Ising. Im Rahmen der Johann-Josef-Wagner-Reihe, die abwechselnd vom Heimat- und Geschichtsverein Bedaium und vom Freundeskreis Heimathaus Chieming veranstaltet wird, konnte der Vorsitzende des Bedaium-Vereins, Korbinian Spies, den Journalisten und Heimatforscher Klaus Oberkandler als Referenten gewinnen. Oberkandler berichtete über das Ende des zweiten Weltkrieges in den heutigen Gemeinde Chieming und Seeon-Seebruck in Form von Zeitzeugengesprächen, die er in den vergangenen Jahren geführt hat. Dass dieses Thema auch heute noch von Interesse ist, belegte die große Besucherzahl. Über 150 Gäste kamen in die Aula des Gymnasiums Schloss Ising, darunter auch eine ganze Reihe betagter Bürger, die nach den Schilderungen Oberkandlers selbst ihre Eindrücke des zweiten Weltkrieges erzählten, die sie aus Kinderzeit noch in Erinnerung haben. Ein Grußwort sprach auch Schulleiterin Catrin Brandl.
Klaus Oberkandler war 2023 Herausgeber des Buches „Das Ende des Zweiten Weltkriegs im Chiemgau – Zeitzeugen berichten“, das mittlerweile vergriffen ist. Darin gesammelt sind Berichte aus dem Archiv des Erzbischöflichen Ordinariates München und Freising von Ortsgeistlichen, die den Zeitraum ab 3. Mai 1945 mit dem Ablauf und den Begleitumständen dokumentierten, als die Amerikaner den Chiemgau eroberten. Medien wie Zeitung oder Rundfunk waren in den letzten Kriegstagen bis zur Kapitulation am 8. Mai weitgehend lahm gelegt, so dass Nachrichten selbst aus nächster Umgebung nicht mehr bekannt wurden.
Die Quellen, auf die sich Oberkandler in seinen Ausführungen bezog, sind die zum Kriegsende tätigen Pfarrer aus Ising, Georg Pfister, aus Chieming Nikolaus Brandmayr, aus Seeon Alois Rauscheder und aus Hart Johann Kandlbinder. Außerdem das Tagebuch des Seebrucker Pfarrers Jakob Weyerer und die Zeitzeugengespräche mit Peter Freiwang aus Käs bei Seebruck, Franz Kaltner aus Seebruck und Joseph Wiesholler aus Chieming. 
Der 1887 in Lindau geborene Georg Pfister war zwischen 1941 und 1945 vom Ordinariat als Wallfahrtspriester nach Ising versetzt worden, um ihn aus der „Schusslinie“ der Nazis zu nehmen, sagte Oberkandler. Dies bestätigte im Anschluss Vinzenz Lex aus dem Ortsteil Wald, der zu dieser Zeit Ministrant war. Die Isinger Kirchenbesucher hätten damals Pfarrer Pfister zur Mäßigung auf der Kanzel angesprochen, weil sie befürchtet hatten, dass er nach Dachau kommt, so Lex. Pfarrer Pfister zeichnet ein trostloses Bild der Not rund um Ising Anfang Mai 1945.
Aus Chieming zitierte Oberkandler Ortsheimatpfleger Hubert Steiner, der ebenfalls anwesend war. Nikolaus Brandmayer, der von 1932 bis 1952 in Chieming als Pfarrer wirkte, schrieb: „Abgesehen von den allgemeinen Erscheinungen hatte Chieming unter den Einwirkungen des Krieges wenig zu leiden. Am 4. November 1944 fielen in der Nähe bei der Ortschaft Pfaffing 17 Fliegerbomben auf freies Feld und richteten in den nächstliegenden Häusern größere Fensterschäden und einigen Dachschaden an. Auch in der etwa 700 Meter entfernten Pfarrkirche wurden noch zwei Fensterscheiben eingedrückt. Der zweite Bombenabwurf erfolgte am 20. Januar 1945 bei Kleeham, wieder auf freiem Felde, ohne größeren Schaden anzurichten. Der Einmarsch der Amerikaner in Chieming am 4. Mai 1945 vollzog sich kampflos. In den vorausgehenden Tagen hatten sich hier viele Truppen angesammelt, mit den hier weilenden Flaksoldaten etwa 2000 bis 3000 Mann. Sie waren bereit, sich kampflos zu ergeben, nachdem auch die Führung erklärt hatte, dass sie sich nicht verteidigen werden.“
Pfarrer Rauscheder notierte eine Reihe bemerkenswerter Details über Selbstmörder, Verwundete und Diebstahlsdelikte in den Wochen vor und nach dem Einmarsch der Amerikaner in Seeon. „Der Einmarsch vollzog sich insofern ruhig, als jeder Kampf unterblieb. Die deutschen Soldaten gaben sich sofort gefangen. Die Kirchen erlitten nicht den geringsten Schaden, ebenso wenig die beiden Schulhäuser. Auch der Gottesdienst wurde nicht im Geringsten gestört. Vor dem Pfarrhof erschienen spät abends 40 Mann, um Quartier zu nehmen. Als sie überzeugt waren, dass sie am Pfarrhof stehen, verließen sie den Platz. Schlimmer wirkten sich die Tiefflieger-Angriffe aus. Ihr Ziel waren die Militärautos. Dabei kam der Bauernhof in Käs an der Straße nach Seebruck mit knapper Not aus der höchsten Gefahr. Das Zuhaus brannte ganz nieder. Das Wohnhaus mit angebauten Ökonomiestadel brannte auch schon, konnte aber vom Besitzer mit den Angehörigen noch gerettet werden. Im Hausgang suchten circa 50 Volkssturm-Männer Zuflucht, nachdem sie das Gebäude mit ihren Autos umstellt hatten, ja dadurch das Gebäude in Gefahr gebracht hatten. Zur Rettung halfen sie in keiner Weise bei. Einer von diesen Männern wurde tödlich verwundet und starb im Lazarett Schloß Seeon“, so Rauscheders Ausführungen an das Ordinariat. Peter Freiwang aus Heimhilgen erlebte den Angriff auf den Nachbarhof in Käs mit und berichtete Klaus Oberkandler: „Bei uns in Heimhilgen waren auch 20 bis 25 Soldaten. Die konnten wir aber dazu bringen, ihre Fahrzeuge in der Tenne zu verstecken. Sonst hätt’s uns auch derwischt. So aber nahmen die Amerikaner Käs ins Visier. Das Nebengebäude wurde in Brand geschossen und war nicht mehr zu retten.“
Von Jakob Weyerer gibt es einen Tagebucheintrag vom 2. Mai 1945: „Es gehen die verschiedensten Gerüchte über den Tod Hitlers. Die Nationalsozialistische Partei wird als aufgelöst erklärt, Hitlerbilder und alles was auf Hitler und Partei hinweist wird beseitigt und verbrannt. Jetzt will niemand mehr `Hitler’ sein. Die, welche die ersten `Hitler’ waren, schimpfen jetzt am ärgsten über die Hitlerbande. Wegen Mangel an Strom keine Nachrichten und auch kein Licht., Die letzte Zeitung, Münchner Neueste Nachrichten, erschien am 24.4.1945. Die Bevölkerung erwartet jeden Tag die Ankunft der Amerikaner. Die Leute sind sehr ernst und besorgt wegen der Brücke. Diese soll gesprengt und den Amerikanern soll Widerstand geleistet werden. Ein Brückenkopf soll gebildet werden. SS-Truppen sind im Anzug. Auf der Staatsstraße ist es sehr lebhaft. Schnee und Kälte den ganzen Tag.“
Franz Kaltner aus Seebruck gab Oberkandler ebenfalls wertvolle Informationen zum Kriegsende. Kaltners Eltern Josef und Maria betrieben an der Traunsteiner Straße in Graben eine Aral-Tankstelle. 150 Meter weiter, auf der anderen Seite der Alz in Seebruck, war unmittelbar neben der Brücke eine Esso-Tankstelle. Als die Autobahn noch nicht fertig gebaut war, fuhr Adolf Hitler von München auf der Landstraße zum Obersalzberg. Dabei machte er bevorzugt in Lambach Station und ließ sich dort – so Kaltner – Schnittlauchbrot und Tee servieren. „Es waren immer fünf Autos, die dann zum Tanken zu uns kamen“, erinnert sich Kaltner. Die Fahrzeuge, die zum Hitler- Konvoi gehörten, seien immer an der Esso-Tankstelle vorbeigefahren und hätten bei seinen Eltern die Tanks ihrer schweren Mercedes-Limousinen aufgefüllt. Auch Kaltner schildert die Sorge um die Brücke über die Alz: Seebruck wäre vermutlich schwer unter Beschuss genommen worden, hätte die SS die Brücke gesprengt. So aber lud am Morgen des Tages, als die Amerikaner einmarschierten, der Reimer-Bauer Josef Heistracher die bereitliegenden Sprengsätze auf seinen eisenbereiften Erntewagen, spannte seine zwei Kaltblüter ein und fuhr damit nach Chieming, wo er die explosive Ladung vom Dampfersteg in den See warf. So jedenfalls habe man es dem kleinen Franz erzählt, wie er gegenüber Oberkandler beteuerte. Das Sprengkommando hatten einige Seebrucker am Vorabend im Gasthaus zur Post bewusst zum Trinken animiert und unter Alkohol gesetzt. Franz Kaltner: „Die Ami-Panzer waren schon in Burgham und hätten Seebruck beschossen, wenn die Brücke in die Luft geflogen wäre.“
Nach vier Jahren Kriegsdienst glücklich nach Chieming heimgekehrt, berichtete Joseph Wiesholler über dessen Rückkehr nach seinem Einsatz am Plattensee in Ungarn. Wiesholler wurde mit hundert Jahren Klaus Oberkandler befragt. Seinen 102. hat er nicht mehr erlebt, denn er starb im Januar 2024. Sein älterer Bruder Georg ist wenige Wochen vor Oberkandlers Besuch im Alter von 104 Jahren gestorben. Auch der jüngere Bruder Franz, der mit 90 noch von Chieming zur Fraueninsel schwamm, ist inzwischen gestorben.
Vier Jahre war Joseph Wiesholler als Kradfahrer der 1. Gebirgsdivision im Osten unterwegs. Er erzählt: „Ab Ostern 1945, wir waren da in Ungarn nördlich des Plattensees, ist es nur noch zurück gegangen, bis wir im südlichen Burgenland ins Reichsgebiet kamen.“ Die Einheit überquerte die Enns und war damit auf der von den US-Truppen besetzten Seite des Flusses.
Das sei für ihn und seine Kameraden ein Glück gewesen – wer weiß, wie es ihnen unter den Russen ergangen wäre. Sicher konnte Wiesholler aber nicht sein, denn viele seiner Kameraden, so erinnert er sich, seien von den Amerikanern an die Russen ausgeliefert worden, vor allem Männer, die der SS angehört hatten. Sie haben ihre Heimat – wenn überhaupt — erst nach Jahren wiedergesehen. Die deutschen Soldaten, die nicht zur Waffen-SS gehörten, wurden auf Lastwägen Richtung Heimat transportiert.“ Das Fahrzeug, auf dem er saß, sollte bis Augsburg fahren. Als der Fahrer in Neuötting einen Zwischenstopp machte, entschied Wiesholler abzusteigen und sich zu Fuß auf den Weg in sein Heimatdorf zu machen. Eine Kennzeichnung an seiner Uniform wies ihn als entlassen aus der Wehrmacht aus, und auch die entsprechenden Papiere hatte er bei sich. Von Neuötting ging er nach Altötting und ein paar Kilometer weiter bekam er auf einem Bauernhof sogar etwas zu essen. In Trostberg durfte er mit einem deutschen Lastwagen, der Kartoffeln geladen hatte, bis Matzing mitfahren. Von hier war es nur noch ein Katzensprung bis heim, zum Denglhamerhof im Herzen Chiemings. Ungefährlich war der Weg dorthin zu jener Zeit aber nicht. Zwei junge Mädchen warnten den Kriegsrückkehrer bei Sondermoning, dass die Amis an den Straßen jeden kontrollierten. Aber was sollte ihm passieren? Er hatte ja seine Entlassungspapiere. Endlich wieder daheim! Josefs Arbeitskraft wurde auf dem kleinen Hof dringend gebraucht, denn seine Brüder Hans und Max lebten nicht mehr. Hans war zu Kriegsbeginn mit dem Fahrrad abends mit einem Geistlichen zusammengestoßen, der zu Fuß eine Straße überquerte, erlitt beim Sturz eine Gehirnblutung und starb wenige Tage später. Bruder Max fiel 1944 als Soldat in Belgien. „Nach Kriegsende durchsuchten amerikanische Soldaten das Bauernhaus der Eltern und nahmen neben zwei alten Vorderladern den Firmtaler des Vaters nebst silberner Kette und das Motorrad DKW 200 mit. Weil der Vater das Motorrad auf Grund seiner schweren Kriegsverletzung während des Krieges fahren durfte und es nicht hergeben wollte, schlugen sie ihn nieder.50 Mark pro Monat bekam Josef vom Vater für die Arbeit auf dem Hof, der kaum Gewinn abwarf. Eine kleine Kiesgrube brachte ein paar Mark nebenbei; aber den Kies per Schaufel aufzulegen war eine arge Plagerei, erinnerte sich Wiesholler. 1954 hat er den Hof gepachtet. Das Milchgeld betrug damals rund 100 Mark; davonerhielt die Mutter 30 Mark. Der Vater behielt sich die Kiesgrube. 1959 hat er dem Josef den Hof übergeben. Der verkaufte 1961 das Hofgebäude für 80000 Mark an die Gemeinde und baute an der Oberhochstädter Straße einen neuen Bauernhof, den er Sonnenhof nannte.
Pfarrer Johann Kandlbinder war bis 1937 in Ising, dann bis 1955 Pfarrer in Hart, Gestorben ist er 1956. Von ihm wird im Ordinariats-Archiv berichtet: „Die Pfarrei Hart ist von Fliegerangriffen fast ganz verschont geblieben; nur in den Wäldern sind einige kleinere Bomben gefallen, ohne jedoch Schaden anzurichten. Gegen Ende des Krieges wurden einige Fahrzeuge der hier lagernden Truppen von feindlichen Tieffliegern getroffen; Personen sind dabei nicht zu Schaden gekommen. Der Einmarsch der Amerikaner vollzog sich in aller Ruhe; die Übergabe der damals hier lagernden Truppen erfolgte kampflos in der Ortschaft Tabing am Nachmittag des 4. Mai. Manche Angehörige der in den Wochen vor und teilweise auch noch nach Beendigung des Krieges hier lagernden deutschen Truppen bzw. Luftwaffenhelferinnen haben keinen guten Eindruck hinterlassen; Pfarrhaus und Ökonomiegebäude waren mehrere Tage überfüllt mit Offizieren und Mannschaften“, so die Aufzeichnungen im Archiv des Ordinariats. Anwesende Zeitzeugen wie Chiemings Ortsheimatpfleger Hubert Steiner oder Ernst Bernauer aus Seebruck bestätigten mit ihren Kindheitserlebnissen Oberkandlers Vortrag. Den Schlusspunkt setzte Isings Schulleiterin Catrin Brandl, die sich für die aufschlussreichen Ausführungen aus einer Zeit bedankte, die zur Mahnung dienen sollten. Denn noch schöner wäre es, wenn man sich an solche Geschichten nicht erinnern müsste. 

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